Im Folgenden haben wir versucht, einige Aspekte des Aikido in Sprache zu fassen. Dabei mussten wir feststellen, dass die Sprache nur ein unzureichendes Mittel dafür ist! Aikido lernt man/frau eben nicht aus einem Buch. Dieses kompakte aber dennoch komplexe System von Regeln, Gedanken, mentalen und auch sportlichen Konzepten erschließt sich erst in der Bewegung, ab der Sekunde, in der man es TUT und aufhört, darüber zu diskutieren. Die Formen der Bewegungsabläufe werden erst mit Inhalt und eigenem Erleben erfüllt, wenn man sie übt. Aikido erschließt sich jedem anders und jedes Mal neu, wenn man auf die Matte kommt...
Aikido und sein Gründer. Aikido wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Japan von Ueshiba Morihei (1883-1969) als Synthese von spiritueller Schulung und klassischen japanischen Kampfkünste entwickelt. Als junger Mensch hatte Ueshiba einen abwechslungsreichen Lebenswandel, dessen roter Faden die Beschäftigung mit verschiedenen Kampfkünsten war. So erlernte er u. a. Tenshin-Shin'yo-ryu- und Kito-ryu-Jujutsu, Yagyu-ryu- und Kashima-Shinto-ryu-Kenjutsu, und schließlich Daito-Ryu Aiki-Jujutsu unter Takeda Sokaku. Aus den Fertigkeiten in diesen Budo, seinen Erfahrungen aus dem russisch-japanischen Krieg, in welchem er sich mit dem Bajonett besonders hervortat, und seinen ethischen und moralischen Überzeugungen begründete er selbst eine Lehre, die er zuerst Aiki-Budo und später dann Aikido nannte. Daher wird er meistens als O-Sensei bezeichnet, als höchster Lehrer. In den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gründete er das erste Aikido-Dojo in Tokyo, welches damals Kobukan genannt wurde und heute als Zaidan Hojin Aikikai Honbu Dojo Tokyo bekannt ist. Während des Zweiten Weltkriegs zog Ueshiba sich nach Iwama aufs Land zurück, um dort neben der Kampfkunst Ackerbau zu betreiben. Sein Sohn Ueshiba Kisshomaru leitete und verteidigte das Honbu Dojo in seines Vaters Abwesenheit und bot es obdachlosen Familien als Unterkunft an. Heute wird es vom Enkel des Begründers, Ueshiba Moriteru Doshu geleitet. Im Westen wurde O-Senseis Lehre nach dem Zweiten Weltkrieg von seinen Schülern verbreitet und fand schnell viele Anhänger.
Schulung für Körper und Geist. Aus japanischen Kriegskünsten der Samurai hervorgegangen, steht Aikido nicht nur für bestimmte Kampftechniken, sondern auch eine Philosophie. Die einzelnen Silben stehen für:
Ai Harmonie
Ki geistige und körperliche Kraft, Lebensenergie
Do den Weg im philosophischen Sinne
Allerdings lässt sich das Wesen des Aikido nicht (der europäischen Tradition folgend) intellektuell nachvollziehen und begreifen. Die Vielschichtigkeit und Tiefe dieser Lehre zu entdecken bedarf der Achtsamkeit und langjähriger Übung.
Aikido ist ähnlich wie das kurze Zeit vorher entstandene Judo - beides Kampfkünste, die sowohl zu ihren Anfangszeiten als auch heute noch in regem Austausch miteinander standen und stehen - konzipiert als ein ganzheitliches pädagogisches Selbstverteigigungskonzept. In den Worten Ueshibas: "Aiki ist keine Technik, um den Feind zu bekämpfen oder zu besiegen; es ist der Weg, die Welt zu versöhnen und aus allen Menschen eine Familie zu machen."
Aikido-Techniken mal ganz nüchtern betrachtet. Aikido ist eine Reihe von Grundtechniken, Anwendungen und Übungen, anhand derer man lernt, sich gegenüber einem Angriff auf eine effiziente und effektive Weise zu bewegen. Ziel ist eine friedliche, gewaltlose und den Angreifer schonende Form der Selbstverteidigung in psychischer und physischer Harmonie. Die Bewegungen des Aikido sind in der Regel fließend und dynamisch und beruhen auf natürlichen Bewegungsmustern wie z.B. einfachen Schritten, Drehungen und Spiralen. Durch Ausweichen und Umlenken der Angriffsenergie wird der Angriff entschärft, die Kraft des Angreifers wird durch Führen und Lenken mit der eigenen Kraft in Einklang gebracht und in gemeinsame Kreis- und Spiralbewegungen abgeleitet bis zur abschließenden Wurf- oder Haltetechnik. Dieses Konzept ermöglicht eine einfache und deeskalierende, aber im Notfall leicht steigerbare Selbstverteidigungsstrategie.
Aikido bedeutet jedoch nicht nur das Erlernen von bestimmten Bewegungsabläufen und Techniken, sondern ebenso die Arbeit an der eigenen Person. Durch fortwährendes Training, das bis ins hohe Alter fortgesetzt werden kann, werden die Prinzipien des Aikido auch auf geistiger Ebene erfasst.
Schuhe aus - der Alltag darf draußen bleiben. Man kommt ins Dojo, ist müde, schlecht gelaunt, ausgelaugt und will eigentlich nur nach Hause. Über den allmählich vertraut gewordenen Bewegungen spürt man seinen Körper warm werden, weicher und nachgiebiger und kann die Dehnungen, die Anstrengung, die Atemlosigkeit, das Schwitzen und die Ruhepausen dazwischen genießen. Nach dem Training ist man zwar auf eine angenehme Weise ermüdet, hat aber seltsamerweise mehr Energie als vorher - und die ganze Zeit über nicht einmal an Arbeit, Stress und die Alltagssorgen gedacht. Aber dennoch bietet das Aikido-Training eine kontrollierte Begegnung mit alltäglichen Situationen auf einer körperlichen Ebene. Dieses Konzept lässt sich auch nach und nach auf den Alltag übertragen und macht so den Alltag zum Dojo.
Die Beschäftigung mit Aikido bedeutet auch eine klare Entscheidung für ein ausgeprägtes System formaler Regeln, die ein gewisses Maß an mentaler und körperlicher Disziplin und die Akzeptanz einer klaren Rollenverteilung mit einschließen. Allein das bedeutet manchmal schon, an seine eigenen Grenzen zu stoßen. Die "demütige" Unterordnung unter solche Regeln und Rollenverteilungen ist etwas, was wir in unserem "deutschen" Alltag in dieser Form kaum noch kennen. Die diversen Rituale, die mit der Ausübung von Aikido verbunden sind, helfen aber, den Sprung aus dem Alltag heraus zu machen. Man betritt die Matte und lässt mit der anfänglichen Meditations- und Konzentrationsübung den Alltag hinter sich.
Man lernt nie aus. Eine eigentlich simpler Grundschritt, den man bestimmt tausend Mal gemacht hat, kann schon morgen im Training eine komplett neue Dimension bekommen. Das kann frustrierend sein, auf der anderen Seite aber auch beruhigend. Es geht immer weiter. Wer schnelle Zielerreichung im Kopf hat, für den ist Aikido wohl nichts. "Wenn Du glaubst, etwas zu sein, hast Du aufgehört, etwas zu werden..." Wenn es überhaupt so etwas wie ein Ziel im Aikido gibt, dann ist es wohl die ständige Weiterentwicklung. Prüfungen und Erfolge mögen Meilensteine sein, Anreiz und Belohnung, aber sie sind nicht das, worum es eigentlich geht, denn wie ließe sich persönliche Entwicklung messen? Der Weg ist das Ziel.
Mein Körper und ich - oder: der Spaß an der Bewegung. Der Körper lernt im Aikido auf eine recht seltsame Weise praktisch eigenständig. Rationalisieren der Bewegungen nutzt da nichts, was wohl jeder Anfänger irgendwann seufzend eingestehen wird. Man kann jemand anderem einfach nicht sprachlich erklären, wie eine Bewegung gemacht werden muss, woran es liegt, dass es funktioniert und wie man die Hand drehen muss. Aikidoka untereinander werden nie müde, stundenlang über diese Technik, jenen Wurf oder diese Kata zu reden, und unweigerlich werden sie anfangen, wild aneinander herumzubiegen. Ein Teil der Faszination entsteht wohl auch dadurch, dass über Aikido ein Zugang zum eigenen Körper geschaffen wird, der in unserer Gesellschaft nicht mehr unbedingt üblich bzw. recht schwer zu finden ist. Gerade die Kombination mit den diversen Konzentrationsübungen und der ständige Verweis auf Energien, die fließen, lässt ein Körperbewusstsein entstehen, das ein anderes sein mag als bei "Fitness" und "Body-Pump". Der sportliche Aspekt des Aikido ist untrennbar mit den anderen Konzepten des Aikido verbunden und für viele der Aikidoka wohl auch ein wichtiger Bestandteil. Koordination und Kondition aufbauen, Schnelligkeit und Genauigkeit der Bewegungen vervollkommnen, richtig ins Schwitzen geraten ... was wäre ein Training ohne das?
Miteinander und Voneinander. Was Aikido von allen anderen Sportarten und Kampfkünsten wohl unterscheidet, ist das enge Miteinander im Training. Wettbewerbe finden nicht statt. Man arbeitet mit einem "Partner", nicht mit einem "Gegner". Beide müssen ihren Teil beitragen, damit das Ganze gelingt, und dabei geht es nicht um das Besiegen einer anderen Mannschaft oder um das Erreichen einer Punktzahl, sondern um die Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten. Das bedingt, dass man auch nicht "verlieren" kann. Auch wenn man der "Aggressor" ist, wird einem nichts geschehen; was man hineingibt, wird umgeleitet und zurückgegeben - und man wird eingeladen, noch mal wiederzukommen! Ein Versagen ist praktisch nicht möglich, weil man gerade aus den Fehlern des Partners am meisten über seine eigenen Bewegungen lernt. Was wichtig ist, ist die Achtsamkeit dem Partner gegenüber. Die Aufmerksamkeit während der Bewegung ist genauso bei dem Partner wie bei einem selbst, und so, wie man mit sich selbst achtsam umgehen muss, muss man dies auch mit dem Partner tun. Die Erreichung einer höheren Graduierung ist sowohl Meilenstein für einen selbst als auch Verpflichtung den anderen gegenüber. Es ist nicht nur eine nette Geste, sondern die Pflicht eines Fortgeschritteneren, sich um Anfänger zu kümmern, aufeinander acht zu geben und die Möglichkeit zum Lernen zu geben. Diese aufmerksame Einstellung mit dem Wunsch, den Partner weiter zu bringen, gibt jedem selbst die Möglichkeit, hinzuzulernen und die eigenen Kenntnisse zu verbessern.
Aikido für Kinder. Das Gesagte gilt natürlich auch für sie, insbesondere der Aspekt des "Nicht verlieren und nicht versagen können" ist wichtig, denn das ist heutzutage (leider!) für Kinder eine relativ fremde Erfahrung. In einem bewertungsfreien Raum sich des eigenen Körpers bewusst zu werden und Spaß an seinen Bewegungen zu entdecken, gleichzeitig in keiner Weise über das geltende Regelsystem im Zweifel gelassen zu werden und Achtung sich selbst und dem Partner gegenüber zu lernen - diese Kombination macht Aikido wohl relativ einzigartig und schafft neben Spaß auch Selbstvertrauen und -bewusstsein. Die Kinder spüren die Faszination, die Aikido ausmacht, sehr stark. Sie sind, wenn man es nur richtig anstellt, empfänglich für die Rituale und die Disziplin, die Ruhe und den Spaß, den Aikido mit sich bringt ...
Anders als die anderen Kampfsportarten? Aikido setzt eine friedliche Geisteshaltung voraus, die nicht von Wettbewerb oder Aggression getrübt ist. Daher gibt es ausschließlich defensive Techniken, die nur der Selbstverteidigung dienen. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass keine Wettbewerbe stattfinden. Die Vorbereitung auf so einen Wettkampf würde den Weg des Aikido auf einen kleinen Ausschnitt beschränken und die geistige Entwicklung behindern.
Also: Was ist Aikido? Wir hoffen, dass wir hier wenigstens ein paar Ideen ansatzweise vermitteln konnten. Wie bereits gesagt: Sprache ist für diesen Zweck das falsche, da unzulängliche Mittel. Uns bleibt letztendlich nur, zur Teilnahme am Training und zum eigenen Üben einzuladen (denn nicht nur aus Büchern, sondern auch vom reinen Zusehen lernt man Aikido nicht).
Aikido und sein Gründer. Aikido wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Japan von Ueshiba Morihei (1883-1969) als Synthese von spiritueller Schulung und klassischen japanischen Kampfkünste entwickelt. Als junger Mensch hatte Ueshiba einen abwechslungsreichen Lebenswandel, dessen roter Faden die Beschäftigung mit verschiedenen Kampfkünsten war. So erlernte er u. a. Tenshin-Shin'yo-ryu- und Kito-ryu-Jujutsu, Yagyu-ryu- und Kashima-Shinto-ryu-Kenjutsu, und schließlich Daito-Ryu Aiki-Jujutsu unter Takeda Sokaku. Aus den Fertigkeiten in diesen Budo, seinen Erfahrungen aus dem russisch-japanischen Krieg, in welchem er sich mit dem Bajonett besonders hervortat, und seinen ethischen und moralischen Überzeugungen begründete er selbst eine Lehre, die er zuerst Aiki-Budo und später dann Aikido nannte. Daher wird er meistens als O-Sensei bezeichnet, als höchster Lehrer. In den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gründete er das erste Aikido-Dojo in Tokyo, welches damals Kobukan genannt wurde und heute als Zaidan Hojin Aikikai Honbu Dojo Tokyo bekannt ist. Während des Zweiten Weltkriegs zog Ueshiba sich nach Iwama aufs Land zurück, um dort neben der Kampfkunst Ackerbau zu betreiben. Sein Sohn Ueshiba Kisshomaru leitete und verteidigte das Honbu Dojo in seines Vaters Abwesenheit und bot es obdachlosen Familien als Unterkunft an. Heute wird es vom Enkel des Begründers, Ueshiba Moriteru Doshu geleitet. Im Westen wurde O-Senseis Lehre nach dem Zweiten Weltkrieg von seinen Schülern verbreitet und fand schnell viele Anhänger.
Schulung für Körper und Geist. Aus japanischen Kriegskünsten der Samurai hervorgegangen, steht Aikido nicht nur für bestimmte Kampftechniken, sondern auch eine Philosophie. Die einzelnen Silben stehen für:
Ai Harmonie
Ki geistige und körperliche Kraft, Lebensenergie
Do den Weg im philosophischen Sinne
Allerdings lässt sich das Wesen des Aikido nicht (der europäischen Tradition folgend) intellektuell nachvollziehen und begreifen. Die Vielschichtigkeit und Tiefe dieser Lehre zu entdecken bedarf der Achtsamkeit und langjähriger Übung.
Aikido ist ähnlich wie das kurze Zeit vorher entstandene Judo - beides Kampfkünste, die sowohl zu ihren Anfangszeiten als auch heute noch in regem Austausch miteinander standen und stehen - konzipiert als ein ganzheitliches pädagogisches Selbstverteigigungskonzept. In den Worten Ueshibas: "Aiki ist keine Technik, um den Feind zu bekämpfen oder zu besiegen; es ist der Weg, die Welt zu versöhnen und aus allen Menschen eine Familie zu machen."
Aikido-Techniken mal ganz nüchtern betrachtet. Aikido ist eine Reihe von Grundtechniken, Anwendungen und Übungen, anhand derer man lernt, sich gegenüber einem Angriff auf eine effiziente und effektive Weise zu bewegen. Ziel ist eine friedliche, gewaltlose und den Angreifer schonende Form der Selbstverteidigung in psychischer und physischer Harmonie. Die Bewegungen des Aikido sind in der Regel fließend und dynamisch und beruhen auf natürlichen Bewegungsmustern wie z.B. einfachen Schritten, Drehungen und Spiralen. Durch Ausweichen und Umlenken der Angriffsenergie wird der Angriff entschärft, die Kraft des Angreifers wird durch Führen und Lenken mit der eigenen Kraft in Einklang gebracht und in gemeinsame Kreis- und Spiralbewegungen abgeleitet bis zur abschließenden Wurf- oder Haltetechnik. Dieses Konzept ermöglicht eine einfache und deeskalierende, aber im Notfall leicht steigerbare Selbstverteidigungsstrategie.
Aikido bedeutet jedoch nicht nur das Erlernen von bestimmten Bewegungsabläufen und Techniken, sondern ebenso die Arbeit an der eigenen Person. Durch fortwährendes Training, das bis ins hohe Alter fortgesetzt werden kann, werden die Prinzipien des Aikido auch auf geistiger Ebene erfasst.
Schuhe aus - der Alltag darf draußen bleiben. Man kommt ins Dojo, ist müde, schlecht gelaunt, ausgelaugt und will eigentlich nur nach Hause. Über den allmählich vertraut gewordenen Bewegungen spürt man seinen Körper warm werden, weicher und nachgiebiger und kann die Dehnungen, die Anstrengung, die Atemlosigkeit, das Schwitzen und die Ruhepausen dazwischen genießen. Nach dem Training ist man zwar auf eine angenehme Weise ermüdet, hat aber seltsamerweise mehr Energie als vorher - und die ganze Zeit über nicht einmal an Arbeit, Stress und die Alltagssorgen gedacht. Aber dennoch bietet das Aikido-Training eine kontrollierte Begegnung mit alltäglichen Situationen auf einer körperlichen Ebene. Dieses Konzept lässt sich auch nach und nach auf den Alltag übertragen und macht so den Alltag zum Dojo.
Die Beschäftigung mit Aikido bedeutet auch eine klare Entscheidung für ein ausgeprägtes System formaler Regeln, die ein gewisses Maß an mentaler und körperlicher Disziplin und die Akzeptanz einer klaren Rollenverteilung mit einschließen. Allein das bedeutet manchmal schon, an seine eigenen Grenzen zu stoßen. Die "demütige" Unterordnung unter solche Regeln und Rollenverteilungen ist etwas, was wir in unserem "deutschen" Alltag in dieser Form kaum noch kennen. Die diversen Rituale, die mit der Ausübung von Aikido verbunden sind, helfen aber, den Sprung aus dem Alltag heraus zu machen. Man betritt die Matte und lässt mit der anfänglichen Meditations- und Konzentrationsübung den Alltag hinter sich.
Man lernt nie aus. Eine eigentlich simpler Grundschritt, den man bestimmt tausend Mal gemacht hat, kann schon morgen im Training eine komplett neue Dimension bekommen. Das kann frustrierend sein, auf der anderen Seite aber auch beruhigend. Es geht immer weiter. Wer schnelle Zielerreichung im Kopf hat, für den ist Aikido wohl nichts. "Wenn Du glaubst, etwas zu sein, hast Du aufgehört, etwas zu werden..." Wenn es überhaupt so etwas wie ein Ziel im Aikido gibt, dann ist es wohl die ständige Weiterentwicklung. Prüfungen und Erfolge mögen Meilensteine sein, Anreiz und Belohnung, aber sie sind nicht das, worum es eigentlich geht, denn wie ließe sich persönliche Entwicklung messen? Der Weg ist das Ziel.
Mein Körper und ich - oder: der Spaß an der Bewegung. Der Körper lernt im Aikido auf eine recht seltsame Weise praktisch eigenständig. Rationalisieren der Bewegungen nutzt da nichts, was wohl jeder Anfänger irgendwann seufzend eingestehen wird. Man kann jemand anderem einfach nicht sprachlich erklären, wie eine Bewegung gemacht werden muss, woran es liegt, dass es funktioniert und wie man die Hand drehen muss. Aikidoka untereinander werden nie müde, stundenlang über diese Technik, jenen Wurf oder diese Kata zu reden, und unweigerlich werden sie anfangen, wild aneinander herumzubiegen. Ein Teil der Faszination entsteht wohl auch dadurch, dass über Aikido ein Zugang zum eigenen Körper geschaffen wird, der in unserer Gesellschaft nicht mehr unbedingt üblich bzw. recht schwer zu finden ist. Gerade die Kombination mit den diversen Konzentrationsübungen und der ständige Verweis auf Energien, die fließen, lässt ein Körperbewusstsein entstehen, das ein anderes sein mag als bei "Fitness" und "Body-Pump". Der sportliche Aspekt des Aikido ist untrennbar mit den anderen Konzepten des Aikido verbunden und für viele der Aikidoka wohl auch ein wichtiger Bestandteil. Koordination und Kondition aufbauen, Schnelligkeit und Genauigkeit der Bewegungen vervollkommnen, richtig ins Schwitzen geraten ... was wäre ein Training ohne das?
Miteinander und Voneinander. Was Aikido von allen anderen Sportarten und Kampfkünsten wohl unterscheidet, ist das enge Miteinander im Training. Wettbewerbe finden nicht statt. Man arbeitet mit einem "Partner", nicht mit einem "Gegner". Beide müssen ihren Teil beitragen, damit das Ganze gelingt, und dabei geht es nicht um das Besiegen einer anderen Mannschaft oder um das Erreichen einer Punktzahl, sondern um die Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten. Das bedingt, dass man auch nicht "verlieren" kann. Auch wenn man der "Aggressor" ist, wird einem nichts geschehen; was man hineingibt, wird umgeleitet und zurückgegeben - und man wird eingeladen, noch mal wiederzukommen! Ein Versagen ist praktisch nicht möglich, weil man gerade aus den Fehlern des Partners am meisten über seine eigenen Bewegungen lernt. Was wichtig ist, ist die Achtsamkeit dem Partner gegenüber. Die Aufmerksamkeit während der Bewegung ist genauso bei dem Partner wie bei einem selbst, und so, wie man mit sich selbst achtsam umgehen muss, muss man dies auch mit dem Partner tun. Die Erreichung einer höheren Graduierung ist sowohl Meilenstein für einen selbst als auch Verpflichtung den anderen gegenüber. Es ist nicht nur eine nette Geste, sondern die Pflicht eines Fortgeschritteneren, sich um Anfänger zu kümmern, aufeinander acht zu geben und die Möglichkeit zum Lernen zu geben. Diese aufmerksame Einstellung mit dem Wunsch, den Partner weiter zu bringen, gibt jedem selbst die Möglichkeit, hinzuzulernen und die eigenen Kenntnisse zu verbessern.
Aikido für Kinder. Das Gesagte gilt natürlich auch für sie, insbesondere der Aspekt des "Nicht verlieren und nicht versagen können" ist wichtig, denn das ist heutzutage (leider!) für Kinder eine relativ fremde Erfahrung. In einem bewertungsfreien Raum sich des eigenen Körpers bewusst zu werden und Spaß an seinen Bewegungen zu entdecken, gleichzeitig in keiner Weise über das geltende Regelsystem im Zweifel gelassen zu werden und Achtung sich selbst und dem Partner gegenüber zu lernen - diese Kombination macht Aikido wohl relativ einzigartig und schafft neben Spaß auch Selbstvertrauen und -bewusstsein. Die Kinder spüren die Faszination, die Aikido ausmacht, sehr stark. Sie sind, wenn man es nur richtig anstellt, empfänglich für die Rituale und die Disziplin, die Ruhe und den Spaß, den Aikido mit sich bringt ...
Anders als die anderen Kampfsportarten? Aikido setzt eine friedliche Geisteshaltung voraus, die nicht von Wettbewerb oder Aggression getrübt ist. Daher gibt es ausschließlich defensive Techniken, die nur der Selbstverteidigung dienen. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass keine Wettbewerbe stattfinden. Die Vorbereitung auf so einen Wettkampf würde den Weg des Aikido auf einen kleinen Ausschnitt beschränken und die geistige Entwicklung behindern.
Also: Was ist Aikido? Wir hoffen, dass wir hier wenigstens ein paar Ideen ansatzweise vermitteln konnten. Wie bereits gesagt: Sprache ist für diesen Zweck das falsche, da unzulängliche Mittel. Uns bleibt letztendlich nur, zur Teilnahme am Training und zum eigenen Üben einzuladen (denn nicht nur aus Büchern, sondern auch vom reinen Zusehen lernt man Aikido nicht).